Alkohol und Grenzen

Was hat Antisexismus mit Alkoholkonsum zu tun? Ihr kennt das Szenario. Es steht mal wieder eine Polit-Party an, die sich verschiedenst labeln könnte: Antifaschistisch, Antirassistisch, Antisexistisch…u.s.w. Alle wollen irgendwie eine schöne Zeit miteinander verbringen, die persönlichen Sorgen wegfeiern und trotzdem möglichst politisch sein, beziehungsweise mit einem politischen Anspruch bei der ganzen Sache. Mit voranschreitender Zeit steigt der Alkoholpegel, die Party wird ausgelassener und die Leute lauter, mitunter auch prolliger und übergriffiger.

Grenzen – eigene und die der Anderen?

Meinen eigenen Grenzen, bezüglich übergriffigem Verhalten von Anderen, lassen sich dann mitunter nur noch schwer greifen und wahrnehmen. War der Spruch vom Typen neben mir eben grenzwertig? „Nun stell dich nicht so an“ Bin ich noch in der Lage meine eigenen Grenzen zu sehen und vor allen Dingen zu artikulieren? Werde ich überhaupt ernst genommen? (Was ja schon ohne betrunken zu sein eine berechtigte Frage ist.) Und was ist mit den Grenzen Anderer? Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in den Momenten des Hacke-seins noch einschätzen kann inwiefern ich Grenzen überschreite. Meine eigener Anspruch ist es Grenzen zu sehen und zu respektieren, damit es garnicht erst zu einem „nein heißt nein“ kommen muss. Hier sei kurz verwiesen auf das Zustimmungskonzept der defma Gruppe aus Wien, um Anregungen für einen positiven Umgang mit und Zugang zu Sexualität zu finden. Zudem fallen Interventionen bei Menschen die durch übergriffiges Verhalten auffallen schwer, wenn ich selbst nur noch ein Schatten meines antisexistischen Anspruchs bin. Grenzüberschreitungen müssen ja erst einmal als diese wahrgenommen werden, um überhaupt eingreifen zu können.

Inwiefern gebe ich Verantwortung ab, indem ich Alkohol konsumiere?

Klar, eigentlich ist das die Sache der Secu. Die passen ja auf, damit ich eben sorgenfrei feiern kann. Mir über solche Sachen wie Grenzüberschreitungen keine Gedanken machen zu müssen. Die machen das schon. Die Verantwortung aber bei mir selbst zu sehen, bei jede_r einzelnen Person setzt voraus, dass es mir persönlich wichtig ist keine Grenzen überschreiten zu wollen. Wäre es nicht eine schöne Vorstellung eigentlich garkeine Secu zu brauchen, da wir alle gegenseitig aufeinander achten? Für mich ist diese Vorstellung ziemlich weit weg von der Realität.

Warum überhaupt Alkohol?

Eine (politische) Party ohnen Alkohol, das wäre eine Party ohne Spaß. Oder? Den Alkohol brauche ich, um locker zu werden, loslassen zu können von den Alltagsproblemen, zu tanzen und möglicherweise auch um mutiger zu sein. Geht das auch ohne Alkohol? Oder wurde es uns letztendlich nicht ansozialisiert, dass wir ohne Alkohol keinen Spaß haben können? Frei nach dem Motto „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“? Sich zu entscheiden auf einer Party nicht zu trinken, kann mitunter eine einsame, isolierende Entscheidung sein. Darüber zu reden in Polit-Gruppen und mit Freund_innen kann aber auch dazu führen einen Diskurs über Grenzen, Möglichkeiten und Handlungsoptionen anzustoßen.

Damit sich am Ende nicht gefragt werden muss: Was war an dem rumgesaufe jetzt eigentlich politisch? Warum haben sich so viele Menschen beschwert blöd angemacht worden zu sein? Und wieso haben sich noch viel mehr Menschen ziemlich unwohl gefühlt bei soviel übergriffigen Sprüchen und Handlungen? Vielleicht ist es auch in anderen Städten bzw. Szenen anders und nur hier finden einfach kaum Gespräche über den Zusammenhang zwischen Alkohol und Grenzüberschreitungen, deren Verhinderung und Interventionsmöglichkeiten statt. Die Vermutung aber ist, dass meine Stadt keine traurige Außnahme ist und Alkoholkonsum eines der (wenigen?) gesellschaftlichen Zustände ist die innerhalb der radikalen Linken unhinterfragt bleibt.

Programm der Antisexistischen Praxen Konferenz online

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